Tierisches Spektakel im Mittelmeer

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Die Mönchsrobbe zählt zu den seltensten Säugetierarten in Europa
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Delfine im Bosporus, Wildschweinrotten auf den Straßen türkischer Dörfer, Mönchsrobben im Mittelmeer – die Tierwelt erholt sich vom Menschen.

Die Corona-Pandemie hat geschafft, was bisher noch nie gelungen ist: Der Virus stellt den Lärm in der 16-Millionen-Stadt Istanbul ab, bläst die Luftverschmutzung weg und verschafft der Tierwelt eine Atempause.

Während der Ausgangssperren an den vergangenen fünf Wochenenden herrschte in Istanbul eine Stille, wie sie die Metropole noch nie erlebt hat. Auch an Werktagen gibt es viel weniger Stress und Lärm als sonst, weil Schulen und Universitäten sowie viele Baustellen, Fabriken und Geschäfte geschlossen sind.

Sogar der Schiffsverkehr auf dem Bosporus, einer der belebtesten Wasserstraßen der Welt, ist eingeschränkt. Unter Wasser ist dagegen umso mehr los: Delfine können in der Meerenge weitgehend ungestört nach Fischen jagen.

Normalerweise sind Delfine in Istanbul ein seltener Anblick, weil die Meeressäuger wegen des Lärms von Frachtern, Fähren und Ausflugsbooten vorsichtig sind. Nun tauchen Delfin-Schulen manchmal sogar nahe am Bosporus-Ufer auf.

Bei ihrer Jagd werden sie häufig von Möwen begleitet, die darauf warten, dass ein paar Fische für sie abfallen. Da an den Wochenenden weder Fischerboote noch Angler mit den Delfinen konkurrieren, machen diese leichte Beute.

Dass man die Delfine so gut sehen kann, ist auch der verbesserten Luftqualität zu verdanken. Normalerweise liegt die Feinstaubbelastung in Istanbul nach Angaben der Stadtverwaltung zwischen 45 und 55 Mikrogramm pro Kubikmeter.

Damit wird dauerhaft der angestrebte Jahresmittelwert von 40 Mikrogramm überschritten, der auch in der EU gilt. Ende April wurden in Istanbul nur noch um die 30 Mikrogramm gemessen; inzwischen liegen die Werte teilweise noch tiefer.

Das liegt vor allem an den leeren Straßen. Zu normalen Hauptverkehrszeiten sind die Istanbuler Straßen durchschnittlich zu 65 Prozent ausgelastet – derzeit liegt die Auslastung bei 13 Prozent.

Auch die Fähren zwischen Europa und Asien verkehren eingeschränkt. Für die Prinzeninseln vor Istanbul, ein beliebtes Naherholungsgebiet für gestresste Großstädter, gilt seit einigen Wochen ein generelles Besuchsverbot.

Von den Inseln hatte die Natur kurz vor der Coronakrise ein dramatisches Notsignal gesendet: Unter den Kutschpferden auf den autofreien Inseln brach die tödliche Pferdeseuche Rotz aus.

Die Stadtverwaltung legte den Kutschverkehr daraufhin still und kaufte die Pferde auf, um sie in den Ruhestand zu schicken.

In der Stille der Corona-Quarantäne haben sich die Tiere nun von ihrem harten Arbeitsleben erholen können. Videoaufnahmen zeigten vor wenigen Tagen, wie die befreiten Pferde ausgelassen durch die menschenleeren Wälder auf einer der Inseln galoppieren.

Auch außerhalb von Istanbul atmet die Natur in der Türkei tief durch. Wildschwein-Rotten traben mit ihren Frischlingen durch die leeren Straßen der Ägäis-Stadt Marmaris, die normalerweise voller Touristen wäre.

An den Stränden der verwaisten Urlaubsprovinz Antalya legen die bedrohten Meeresschildkröten „Caretta Caretta“ ihre Eier ungestört im Sand ab. Selbst für Einheimische ist der Strandbesuch derzeit wegen der Corona-Pandemie verboten.

So still wie in diesem Frühjahr sei es an den Stränden noch nie gewesen, sagte der Vorsitzende der Küstenschutzkommission im Strandort Cirali gegenüber türkischen Medien.

Sogar einige Mittelmeer-Mönchsrobben wurden kürzlich vor der Küste gesichtet – die bedrohten Seehunde zählen zu den seltensten Säugetierarten in Europa.

Mit der Ruhe dürfte es bald vorbei sein. In den kommenden Wochen will die Türkei ihre Wirtschaft wieder hochfahren und den Tourismus neu ankurbeln. In Istanbul sollen die Ausgangssperren im Juni aufgehoben werden, bald werden wieder Touristenflieger in Antalya landen.

Die Entlastung der Natur zeigt nicht nur in der Türkei Folgen. Auch weiter nördlich, an der Adria, sind seltene Küstengäste zu beobachten. Der montenegrinische Fischer Branko Dragisic stößt mittlerweile fast täglich auf sie. Kürzlich nahm er vor der Küste von Budva die gewaltige Finne eines geruhsam durch die Adria-Fluten ziehenden Mondfischs ins Kameravisier.

Zuvor hatte er einen fast drei Meter langen Blauwal gefilmt, der sich um und unter seinem Motorboot im glasklaren Meereswasser tummelte. Über eine Viertelstunde sei der Blauwal um das Boot geschwommen, berichtete der Angler aufgeregt dem Fernsehsender RTCG: „Zwei, drei Mal riss er uns selbst den Fisch von der Leine!“

Die auffällige Rückkehr der Rückenflossen an die Gestade der Adria hält auch im benachbarten Kroatien Fischer und Küstenanwohner in Atem. „Genial, wie ein Schlepper!“, rief freudig der Fischer, der im April vor der Insel Solta einen sich mit einer gewaltigen Bugwelle und hohen Fontäne durch die Wogen prustenden Wal filmte.

Mit bloßen Augen sind vom Ufer aus selbst in Split vermehrt die kunstvollen Sprünge von Delfinen zu beobachten „Spektakel im Meer“ freut sich die Zeitung „Slobodna Dalmacija“.

Normalerweise lassen nur in der sommerlichen Sauregurkenzeit angeblich in Küstennähe erspähte Haifischfinnen Kroatiens Blätterwald kräftig rauschen – und die Touristen etwas gruseln.

Zwar gilt das Naturschutzgebiet der Äußeren Kornaten tatsächlich als beliebte „Kinderstube“ des Blauhais. Doch tatsächlich nähern sich die rund 30 Haifischarten, die das Mittelmeer beherbergt, nur selten den Küsten – und sind für Menschen überwiegend ungefährlich.

Auch in Kroatien und seinen Nachbarländern feiern die Medien die vermehrten Ausflüge der Großfische an die heimischen Küsten während der Viruskrise. „Heilt die Pandemie die Natur?“, fragt sich bereits hoffnungsfroh die Agentur „Balkan Insight“.

Der von ihr befragte Meeresbiologe Hrvoje Cizmek in Zadar weist zwar darauf hin, dass Walfische im April und Mai zur Plankton-Aufnahme alljährlich vermehrt die Adria anzusteuern pflegen.

Doch er bestätigt die Vermutung, dass die Meeressäuger auch wegen des reduzierten Schiffsverkehrs vermehrt vor den Küsten zu beobachten sind.

Delfine und Walfische pflegten durch Töne auch über weite Abstände miteinander zu kommuniziere – und wegen der dabei störenden Schiffsrümpfe sehr stark befahrene Routen bewusst zu meiden. Nicht nur die Kreuzfahrtriesen sind in der Adria verschwunden. Auch das Jachtaufkommen hat sich laut Cizmek erheblich reduziert. Vor allem Delfine seien in der Corona-beruhigten Adria nun viel häufiger in den Buchten zu sichten.

Der türkische Tierschützer Cem Orkun sagte der türkischen Nachrichtenagentur DHA, die Coronakrise habe etwas Wichtiges zutage gebracht: „Wir setzen die Natur unter einen unglaublichen Druck.“ Die Pandemie zeigt, wie es aussehen kann, wenn dieser Druck nachlässt – und sei es nur für einige Wochen.