Verschollen auf dem Weg nach Europa – Tunesierinnen suchen ihre Söhne

0
11304
article inline
 
 
 

Die Jasminrevolution war kaum vorbei, als sich Zehntausende junge Männer aus Tunesien auf den gefährlichen Seeweg nach Europa machten. Hunderte sind seither verschwunden, ihre Mütter warten verzweifelt auf Lebenszeichen.

Eine SMS machte Latifa zunächst Hoffnung. «Ich bin gut angekommen», schrieb ihr Sohn Sabri. Der damals 26-jährige Tunesier hatte sich im März 2011 mit einem Boot von der Region Sfax aus auf den Weg nach Europa gemacht. Wie es schien, schaffte er es nach Italien.

«Wir haben in den Nachrichten gesehen, dass sie dort angekommen sind», sagt Latifa. Die Männer seien vom Hafen aus in Bussen fortgebracht worden, erfuhr sie. Dann verschwand Sabri – und seine Mutter wartet bis heute vergeblich auf ein Lebenszeichen.

Wie Latifa geht es Hunderten Müttern in dem nordafrikanischen Land. Viele von ihnen leben in Regionen, die sehr arm sind und als die «vergessenen Gebiete» Tunesiens gelten. Die Frauen haben sich zusammengeschlossen, um endlich zu erfahren, was aus ihren Söhnen geworden ist. Sie tragen die Bilder ihrer Kinder bei sich, organisieren Protestaktionen und Hungerstreiks in Tunesien. Und sie stellen bei Gericht Anträge zur Untersuchung der Fälle in Italien, wenden sich an Parlamentarier, Stiftungen und Nichtregierungsorganisationen in Rom, Berlin und Brüssel.

Die tunesische Regierung setzte eine Untersuchungskommission ein, die aber noch keinerlei Ergebnisse brachte. Zwei Mütter gaben die Hoffnung auf und zündeten sich an.

Die meisten jungen Männer verschwanden zu einer Zeit, als westliche Länder hoffnungsvoll und ein wenig ängstlich auf die arabische Halbinsel und Nordafrika blickten. 2011 wurde bei den Aufständen des Arabischen Frühlings ein Langzeitmachthaber nach dem anderen entmachtet – Tunesien machte mit der Jasminrevolution den Anfang.

Junge Tunesier aus ärmeren Familien sahen für sich trotz dieser Ereignisse aber keine Zukunft in ihrer Heimat: Sie nutzten den Zusammenbruch des Polizeistaats aus, um auf illegalem Wege nach Europa zu gelangen.

Ganze Freundeskreise hätten sich gemeinsam auf den Weg gemacht, erzählen Latifa, Samira und die anderen Mütter. Wie im März 2011, als 22 junge Männer gemeinsam von Al-Houaria aus per Boot in Richtung Italien losfuhren. Eine Recherche im Internet habe ergeben, dass sie es geschafft hätten, erzählen die betroffenen Mütter. «Aber warum hat sich kein einziger aus der Gruppe gemeldet?»

Die Initiative «Land für alle» hat inzwischen mehr als 500 Männer offiziell als vermisst gemeldet. Das tunesische Forum für ökonomische und soziale Rechte (FTDES), dass sich ebenfalls für die Mütter einsetzt, geht sogar von 1500 Verschollenen aus, wüssten doch viele Eltern nicht, an wen sie sich wenden könnten.

Nach Erkenntnissen des Forums verließen 2011 mehr als 35 000 junge Menschen Tunesien auf Booten. Die EU-Grenzschutzagentur Frontex zählte allein von Januar und März mehr als 20 000 Tunesier, die auf der italienischen Insel Lampedusa ankamen und großteils zur Arbeitssuche nach Frankreich wollten. Rom beeilte sich damals, ein Rückführungsabkommen mit der tunesischen Übergangsregierung zu schließen, was die Zahl der Ankömmlinge wieder sinken ließ.

FTDES-Mitarbeiter Abderrahmane Hedhili sagt, es sei die «Generation Ben Ali», die es bis heute aus Tunesien fort ziehe. Vor einigen Jahren habe er eine Umfrage unter 60 Vertretern jener Generation organisiert, deren Kindheit und Jugend von dem System des autoritären wie korrupten Herrschers (1987-2011) geprägt war. Es war ein System, in dem in der Regel nur jene Menschen Chancen auf eine Karriere hatten, die sich mit dem Machthaber und dessen Helfern arrangierten.

«Die Mädchen, die in der Regel fleißiger waren, wollten nach Frankreich und Deutschland zum studieren. Die Jungs, oft weniger gut in der Schule, wollten über den illegalen Weg nach Europa. Doch niemand wollte in Tunesien bleiben», sagt Hedhili. Trotz der Demokratisierung in Tunesien sähen junge Tunesier für sich nach wie vor nur zwei Möglichkeiten: nach Europa zu gehen oder zu den Salafisten.

Samira weint jedes Mal vor Verzweiflung, wenn sie über ihren Sohn spricht. Rochdi brach am 6. September 2012 in Richtung Europa auf. Er habe seit seiner Kindheit das Ziel gehabt, genügend Geld zu verdienen, um sie zu heilen. Denn Samira braucht eine neue Niere. «Ich fühle mich verantwortlich», sagt sie. Ein Zeuge habe sich bei ihr gemeldet und gesagt, dass ihr Sohn gesund in einem Aufnahmelager in Italien sei. Danach gab es keine Nachrichten mehr. Von Rochdi selbst, damals gerade 20 Jahre alt, hörte sie nie wieder etwas.