Früher mussten sich die Lutheraner in Rom verstecken, heute stehen die Zeichen auf Ökumene. Ein halbes Jahrtausend nach der Reformation wird in der Stadt der Päpste ein Platz nach Martin Luther benannt.

Von Klaus Blume

Rom hatte Martin Luther einst kennen und hassen gelernt. «Gotteslästerliches Treiben» sah der junge Mönch, als er um die Jahreswende 1510/11 in der Ewigen Stadt weilte. «Lügen, Betrügen, Rauben, Stehlen, Prunken, Hurerei» beobachtete er dort, wo er die Stätte des Heils vermutet hatte. Als «babylonische Hure» brandmarkte der Reformator (1483-1546) später die Stadt der Päpste.

Wenige Jahre nach der Reise in diese Lasterhöhle leitete der Mann aus der sächsischen Provinz mit den Wittenberger Thesen gegen den Ablasshandel 1517 die Spaltung der abendländischen Kirche ein – und wurde in Rom zur Unperson. Doch 500 Jahre später stehen auch am Tiber die Zeichen auf Versöhnung. Am 16. September wird Bürgermeister Ignazio Marino in der Hauptstadt Italiens die «Piazza Martin Lutero», den «Martin-Luther-Platz» einweihen.

In einem Park auf dem Oppio-Hügel soll dann ein bisher unbenannter kleiner Platz den Namen Luthers mit dem erklärenden Zusatz «Deutscher Theologe der Reformation» tragen. Vor fünf Jahren habe die Arbeitsgemeinschaft der evangelischen Kirchen in Rom beim Stadtrat den Antrag gestellt, einen Platz oder eine Straße nach dem Reformator zu benennen, erzählt Jens-Martin Kruse, der Pfarrer der Evangelisch-Lutherischen Gemeinde Roms. Es habe «viel Einverständnis und Zustimmung» gegeben, bürokratische Hürden wurden «mit Gottvertrauen und Gelassenheit» überstanden.

Der Park liegt gleich neben dem Kolosseum, also mittendrin im alten Rom. Dort finden sich die Ruinen der nach Kaiser Trajan (98-117) benannten Thermen und das auf Nero (54-68) zurückgehende Domus Aurea. Auf dem künftigen Luther-Platz steht ein achteckiger Brunnen ohne Wasser. Kinder spielen darin, während Anwohner und Touristen auf den Steinbänken ringsum hocken. In dem leicht heruntergekommenen Oppio-Park sammeln sich aber auch viele Bootsflüchtlinge, die es aus Mali, Gambia oder Burkina Faso übers Mittelmeer nach Italien geschafft haben. Manche wohnen gar im Park und schlafen unter den Bäumen, immer auf der Hut vor der Polizei.

Den Standort des Luther-Platzes hat die Kommune ausgesucht, und Pfarrer Kruse ist eigentlich sehr zufrieden damit, auch wenn seine Kirche einen anderen Vorschlag hatte. «Wir Christen müssen da sein, wo Not und Elend dieser Welt sind», sagt er mit Blick auf die Flüchtlinge im Park.

Kruse erinnert an die 200-jährige Geschichte der Lutheraner in Rom: Als sie 1817 herkamen, konnten sie ihre Gottesdienste nur in der preußischen Gesandtschaft feiern. Denn bis zur Einigung Italiens 1870 gehörte ganz Rom zum Kirchenstaat. «Als wir herkamen waren wir unerwünscht, heute sind wir anerkannt und erwünscht. Das ist für uns eine Verpflichtung, für die da zu sein, die heute unerwünscht sind», sagt Kruse.

Längst haben die deutschen Protestanten ihr eigenes Gotteshaus in Rom. Kruse rechnet in nächster Zeit mit einem Besuch von Papst Franziskus I. in der Christuskirche – so wie schon dessen Vorgänger Benedikt XVI. und Johannes Paul II. da waren. «Es ist ein Zeichen der Ökumene, dass es heute auch in Rom möglich ist, sich an Luther als Zeugen des Evangeliums zu erinnern», sagte Kruse zur Platztaufe.