Auf Walsuche im vermüllten Mittelmeer

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An Bord eines Forschungsschiffes der Meeresschutzorganisation OceanCare bei Sizilien.

 
 
 

Touristen helfen im Osten von Sizilien bei der Wal- und Delfinforschung. 20 Minuten war mit an Bord.

Ein quietschendes Geräusch ertönt. Alle blicken in meine Richtung. Ich drücke die Kopfhörer auf meine Ohren und starre auf das Meer. Das Hydrofon überträgt zweifellos Delfingeräusche. Irgendwo müssen sie sein. Sie, das sind die Delfine des Mittelmeers. Wir, das ist eine Gruppe von Freiwilligen auf einem Segelboot vor Sizilien. Wir unterstützen die Meeresschutzorganisation Ocean-Care bei der Zählung von Meeressäugetieren im Ionischen Meer, damit sie effizienter geschützt werden können. Die Daten, die aus den Forschungsreisen gewonnen werden, helfen der NGO unter anderem, Schutzgebiete zu erwirken.

Ich sehe da etwas! Dort hinten, auf 11 Uhr! Alle greifen nach ihren Feldstechern und suchen mit Blicken die ruhige See nach Rückenflossen ab. Etwas hüpft aus dem Wasser. Kurze Aufschreie. Beim Aufsprung hat es geglitzert in der Sonne, und irgendwie war es etwas zu klein für einen Delfin. Falscher Alarm – es ist ein Thunfischschwarm.

Pottwale im Mittelmeer

Neben vielen Delfinen und unzähligen Plastikfragmenten, -säcken und anderem Abfall werden wir in unserer Einsatzwoche keinen Wal hören oder sehen. Im Mittelmeer leben neben kleineren Arten sowohl Finn- als auch Pottwale, die zweit- und drittgrössten
Lebewesen der Erde. Nur wenige Menschen sind sich dieser Tatsache bewusst.

Tatsache ist auch, dass das Mittelmeer das meistbefahrene Meer der Welt ist. Die zunehmende Lärmbelastung durch Tourismus, Handel und Ölindustrie macht den Tieren zu schaffen. Fischschwärme ziehen ab. Starke Druckwellen können innere Organe von Delfinen und Walen zerstören – und so zu Massenstrandungen führen. Gleichzeitig landen jährlich Tonnen von Plastik im Meer.

Styropor, soweit das Auge reicht

Es hat eine gewisse Ironie, dass wir am ersten Tag der Expedition einen Abfallcontainer im Wasser entdecken. Dank den hervorragenden Manövern des Skippers und einem Kraftakt mehrerer Leute fischen wir den Container her­aus. Wie zum Geier ist der im Mittelmeer gelandet? Wir wer­den in den Tagen darauf nicht einen Prozent des Mülls, den wir sehen, herausfischen können, sonst müssten wir stän­dig unseren Kurs verlassen.

Wir zählen den Abfall an der Oberfläche, damit durch die Arbeit von OceanCare an der Quelle etwas passiert. Einsam­meln ist leider nur Symptom­bekämpfung. Nichtsdestotrotz bringen wir täglich grosse Müllteile zurück an Land: einen Plastikstuhl, mehrere Styroporboxen (jene, in denen Fische kühl gehalten werden), kilometerweit verteilt. Am vierten Tag fahren wir durch eine Ansammlung von Styro­porteilen, die wir unmöglich zählen können. Wir notieren in den Unterlagen: Hunderte Styroporfragmente.

«Delfin!», ruft jemand vom Bug aus. Ein Gewusel beginnt. Jemand schreibt die Koordina­ten auf. Jemand anderes misst mit dem Feldstecher die Dis­tanz und ermittelt die Him­melsrichtung. Es sind mindes­tens zehn! Andere holen Ka­meras und schiessen so viele Fotos wie möglich, um später die Art bestimmen zu können. Plötzlich ist allen Anwesenden klar: Wir beobachten gerade eine Schu­le von über 50 Individuen. Es handelt sich um Streifendel­fine. Sie ziehen friedlich von rechts nach links vor dem Boot vorbei, wie auf einem Sonntagsausflug. Wir behalten Kurs und Geschwindigkeit bei, so will es die Forschung. Die Delfine sollen nicht gestört werden.