Algenplage im Mittelmeer: Der asiatische Eindringling

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Algenplage am Mittelmeer

 
 
 

Laut spanischen Fischern spielt sich unter der Meeresoberfläche an der Straße von Gibraltar eine Umweltkatastrophe unabsehbaren Ausmaßes ab. Fische gehen nicht mehr viele ins Netz – stattdessen tonnenweise braune Algen.

Die Netze sind voll und schwer. Doch es sind keine Fische darin. Wenn die Fischer an der Straße von Gibraltar ihren Fang einholen, dann ziehen sie tonnenweise bräunliche Algen an Land. Rugulopterix okamurae heißt der aggressive Eindringling, der aus Asien stammt. Bagger müssen an den Stränden anrücken, um bei Tarifa und an der Bucht von Algeciras auf Hunderten Metern den Sand von dem modernden Seegras zu befreien. „Das ist nur die Spitze des Eisbergs: Die Invasion findet unter Wasser statt. Taucher sehen vor lauter Algen nichts mehr“, sagt Candela Sánchez. Die Meeresbiologin aus dem Bade- und Hafenort Tarifa ist eine der Gründerinnen der Initiative „Lasst uns die Meerenge retten“. Tausende Unterschriften haben sie in diesem Sommer gesammelt.

Spanische Fischer sprechen von einer Umweltkatastrophe unabsehbaren Ausmaßes. Denn die Algen lassen Fischen und anderen Meerestieren keinen Lebensraum; sie pflanzen sich rasend schnell fort. „Das bestehende Ökosystem wird fast vollständig zerstört. In einer Tiefe zwischen zehn und 35 Metern haben sich die Algen schon zu 100 Prozent ausgebreitet. Darunter und darüber zu 70 Prozent“, sagt Candela Sánchez.

Angefangen hatte es an der Meerenge von Gibraltar. In diesem Sommer ging der asiatische Eindringling jedoch schon Fischern im 120 Kilometer östlich gelegenen Málaga ins Netz. Badeorte wie Marbella und Estepona sind betroffen; angeblich wurden die Algen auch vor den Balearen gesichtet. Am anderen Mittelmeerufer tauchten die Algen an den Küsten von Marokko und Algerien auf. Gleichzeitig ziehen sie von der Meerenge aus immer weiter westlich, über die Bucht von Cádiz hinaus bis in das benachbarte Portugal. „Viel spricht dafür, dass es so weitergeht“, befürchtet Candela Sánchez.

Algenart stammt aus dem asiatischen Raum

Noch bis vor wenigen Jahren kannte man die Alge nur in Japan, China und Korea. Man vermutet, dass Containerschiffe, die zu Tausenden durch die Straße von Gibraltar fahren, sie von dort mitbrachten, womöglich mit dem Ballastwasser, also Seewasser, das in Tanks gepumpt wird, um die Schiffe zu stabilisieren, wenn sie weniger beladen sind. Wenn die Tanks wieder geleert werden, gelangen diese „blinden Passagiere“ dort ins Meer. Bei Zwischenstopps in den stark frequentierten Häfen von Algeciras und Tanger könnten die asiatischen Algen dort angekommen sein. Dabei stießen sie auf eine für sie perfekte Umgebung: Durch die starke Strömung ist das Wasser sauerstoffreich und relativ sauber. Die Wassertemperatur, die 2015 und 2016 höher als üblich war, könnte den warmes Wasser gewohnten Algen den Start erleichtert haben, die dort zudem keine natürlichen Feinde haben. Anfangs verwechselte man sie mit einer weniger gefährlichen einheimischen Art. Bis dann immer mehr Fischer auf den aggressiven Eindringling aufmerksam machten – den sie möglicherweise mit ihren Schleppnetzen noch weiter verbreiten, mit denen sie die Sporen der Algen aufwirbeln.

Bisher ist die Art kaum erforscht. In Spanien gibt es nur wenige Experten, die schockiert vom Wachstum und der Aggressivität der neuen Spezies sind, gegen die sie keine Mittel haben. Die Anlieger der Straße von Gibraltar ärgert vor allem die Tatenlosigkeit der Behörden. Sie haben sich zu einem gemeinsamen „Bürgertisch“ zusammengeschlossen und verlangen, dass herausgefunden wird, wer die Alge eingeschleppt hat.

Außerdem fordern sie, dass die Regierung die Alge als Eindringling einstuft. Diese Klassifizierung würde Fischern, Hoteliers und Stadtverwaltungen Entschädigungen bringen. Doch die andalusische Regionalregierung, deren Strände am stärksten leiden, hält sich für nicht zuständig und verweist auf Madrid. Dort gibt es seit den Wahlen im April keine funktionsfähige Zentralregierung.

Tausende Tonnen Algen wurden in diesem Sommer schon an den Stränden abtransportiert. Oft ist es eine Sisyphos-Arbeit, denn am nächsten Tag treibt der Wind schon neue braune Berge an Land. Die Algen dürfen nicht ins Meer zurück, wo sie sich wieder vermehren würden. Sie müssen deshalb kostspielig an der Küste entsorgt oder verarbeitet werden.

„Die neue Algenart bringt aber nicht nur Nachteile mit sich“, sagt Candela Sánchez. In Tarifa arbeitet sie mit der Frauenorganisation „Mar de Algas de Tarifa“ zusammen, die aus Algen Kosmetika herstellen. Denn die Algen wirken antioxidativ und antibakteriell. Sie können gegen Insektenstiche und Akne helfen und das Haar kräftigen. Das Potential ist groß, doch bisher fehlen die technischen Möglichkeiten, es zu nutzen – zum Beispiel, um die Biomasse zu kompostieren oder aus ihr Dämmmaterial herzustellen. Einige Optimisten sprechen in Tarifa schon davon, dass man vielleicht eines Tages mit den Algen „zusammenleben“ könne. Statt Fische könnten die Fischer dann den neuen Rohstoff an Land bringen.