Tödliche Gefahr im Mittelmeer

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Hasenkopf-Kugelfisch

 
 
 

Lagocephalus sceleratus – oder auch Hasenkopf-Kugelfisch: Was putzig klingt und auch hübsch aussieht, entpuppt sich auf den zweiten Blick – und die zweite Lektüre – als tödliche Gefahr im Ferienparadies.

In den Familienferien in Griechenland: Ich lade meinen Schwiegervater dazu ein, ein erstes Mal in seinem Leben fischen zu gehen. Weil ich unbedingt möchte, dass etwas geht, fahre ich zweigleisig. Eine gröbere Meeresrute wird mit etwa 50 Gramm schweren Tintenfischstücken an der Seitenarmmontage auf Grund angeboten, während zwei weitere Ruten zum Spinn­fischen mit mittelgrossen bis grös­seren Wobblern zur Verfügung stehen. Ich wähle eine Stelle im Hafen von Agios Nikolaos aus, von welcher wir auf der einen Seite die Flachwasserzone beackern und auf der anderen Seite Tiefen von bis zu 15 Metern erreichen können. Die Einführung für den Schwiegervater mit der Spinnrute ist schnell gemacht und schon nach wenigen Würfen gelingen ihm Distanzen, die für einen ersten Biss eigentlich ausreichen dürften. Aber weder bei ihm noch bei mir kommt es zum ersehnten Anbiss. Für eine erste Pulserhöhung sorgt auf der Flachwasserseite ein Trupp Barrakudas mit Exemplaren über 80 cm, die dem Wobbler aber nur in sicherer Distanz folgen. Gänzlich vorbei mit der Ruhe ist es erst, als wir die Tintenfischstücke an der tiefst möglichen Stelle anbieten. Schon bald ruckelt die Rutenspitze deutlich und ich muss gar nicht richtig anschlagen, bis ich am anderen Ende einen kräftigen Wiederstand spüre.

Zwiespältige Freude

Nach den ersten Kurbelumdrehungen ist mir klar: Kein schlechter Fisch. Dreimal schlägt er auf die Seite aus, bis wir ihn zum ersten Mal vor uns sehen. Identifizieren kann ich ihn aber noch nicht. Noch im Wasser hat die Musterung auf der Flanke und der Oberseite etwas von einer Forelle, der in die Länge gezogene Kopf und die kofferähnliche Form deuten jedoch auf etwas ganz anderes hin. Als der etwas über 60 cm lange und knapp drei Kilo schwere Fisch schliesslich im Feumer ist, bin ich mir sicher: Ich habe einen dieser tödlich giftigen Lagocephali scelerati, also einen Hasenkopf-Kugelfisch gefangen. Weil ich mich vor der Reise darüber informiert habe, was uns an Fischen auf Kreta begegnen könnte, bin ich auch auf diesen Kugelfisch gestos­sen. Von der oberflächlichen Lektüre wusste ich einfach, dass der Verzehr tödlich enden kann, wenn bei der Zubereitung die Leber und die Gonaden nicht sorgsam herausgeschnitten werden. Als ich den Fisch vor mir betrachte, sind meine Gefühle zwiespältig: Einerseits freue ich mich über den ersten gefangenen Vertreter einer neuen Art, anderseits schwirren meine Gedanken mit einer inneren Abwehr auch um das todbringende Gift, das in ihm steckt. Ich löse den Haken aus seiner Lippe, wobei mir die dahinter liegenden Zahnplatten auffallen, die durchaus furchteinflös­send sind, entscheide mich für ein kurzes Erinnerungs­foto mit Fisch und entlasse ihn zurück in sein Element, da ich mich auf Filetier-Experimente mit tödlich giftigen Fischen nicht einlasse. Auf Anraten meines Schwiegervaters wasche ich noch kurz meine Hände in einer nahe gelegenen «Glungge».

Erstaunliche Beisskraft

Weil ich vom Fischen aber noch nicht genug habe und wissen möchte, was sonst noch für Fische im Hafen zu fangen sind, angle ich mit derselben Montage weiter. Der Köder ist kaum am Grund angekommen, da lässt sich ein leichtes «Tick» am Rutenspitz ausmachen. Danach nichts. Das Nichts dauert immer länger und so frage ich mich: Der Fisch wird ja wohl kaum mit diesem leichten «Tick» das ganze Stück Tintenfisch abgefressen haben?! Ich hole die Montage zur Sicherheit ein und staune Bauklötze: Der 5/0er-Meereshaken mit dem 0,70er-Fluorocarbon ist tatsächlich abgetrennt. Nun gut, wenn das 0,70er nicht reicht, das 0,90er wird er sicher nicht durchtrennen. Die neue Montage mit dem 90er-Seitenarm ist auch nicht besonders lange am Grund, als auf einmal wieder dieses «Tick» am Rutenspitz erkennbar ist. Danach erneut: Nichts. Ich will es nicht glauben und doch kommt bald die Gewissheit, dass der Fisch sogar in der Lage ist, ein 90er-Vorfach mit einem am Rutenspitz kaum wahrnehmbaren Biss zu durchtrennen. Weil ich keine noch dickere Schnur dabeihabe und Hakenfüttern nicht so mein Ding ist, brechen wir die Übung an dieser Stelle ab. Dass ich den einen Kugelfisch landen konnte, ist wohl lediglich dem Umstand zu verdanken, dass sich der Haken in der Lippe des Fischs verfangen hatte.

Über die Wahl des Vorfachs

Ich will mir mit einem Besuch im lokalen Fischerladen Klarheit darüber verschaffen, wie die ortsansässigen Fischer mit dem Giftkoffer umzugehen wissen und frage den Besitzer des Ladens, welches Vorfach er mir denn bei der Fischerei auf den Lagocephalus empfehle. Seine Antwort stösst mich etwas vor den Kopf, indem er meint: «Keines». Ich frage etwas unsicher nach: «Ja, also, wie meinen Sie, keines?» Er erklärt mir, dass er schlicht über kein Vorfachmaterial verfüge, dass den vier Zahnplatten des Kugelfischs gewachsen sei, nimmt kurzerhand das Notebook hervor und zeigt mir einen Youtube-Film. Was ich sehe, ist unglaublich: Ein Hasenkopf-Kugelfisch beisst auf eine vor den Mund gehaltene Bierdose und trennt mit einem Bissen zwei Schichten Aluminium davon ab, als ob es sich dabei um Kartoffelchips handelt. Nachdem das Notebook wieder zugeklappt ist, nicke ich dem Ladenbesitzer anerkennend zu und entschliesse mich, etwas mehr über den bisskräftigen Fisch in Erfahrung zu bringen.

Faszinierender Lagocephalus sceleratus

Lagocephalus sceleratus ist erst vor wenigen Jahren über den Suezkanal eingewandert und hat sich weiter über das östliche Mittelmeer bis nach Italien, Spanien, Algerien und Malta ausgebreitet. Die Vertreter der Familie der Kugelfische sind vor allem durch ihre Eigenart bekannt, sich im Fall einer Bedrohung durch ruckartiges Pressen von Wasser in eine Erweiterung des Magens «aufblasen» und ihre Stacheln aufstellen zu können, sodass ein Räuber fast keine Chance hat, den Fisch zu verschlingen. Der eigentlich aus den Tropen stammende Lagocephalus sceleratus aber hat bei Bedrohung eher die Tendenz zu flüchten. Der Fisch, der etwas über einen Meter lang werden kann, ist mit seinen scharfen Zähnen, die auf das Aufbrechen von Krustentieren ausgelegt sind, in der Lage, Fischernetze zu durchtrennen und sich am vermeintlichen Fang gütlich zu tun, weshalb die Klagen von einigen Berufsfischern verständlich sind, zumal er am Mittelmeer aufgrund seiner Toxizität auch nicht verkauft werden darf. In Japan ist der verwandte Fugu jedoch eine hoch bezahlte und nur von lizenzierten Köchen zubereitete Delikatesse, weshalb beispielsweise das cypriotische Fischereidepartement in Gesprächen mit Vertretern aus Japan, aber auch aus Korea und China ist, um aus der ökologischen Not eine wirtschaftliche Tugend zu machen. Die rasante Ausbreitung des Lagocephalus sceleratus wird zuweilen auch als Invasion oder gar als Pest betitelt, wobei Timo Moritz, wissenschaftlicher Leiter des Deutschen Meeresmuseums in Stralsund, zu bedenken gibt, dass nicht alle Tiere, die der Mensch nicht direkt nutzen könne, prinzipiell auch Schädlinge seien. Auf der Seite der Prädatoren gelten Haie und Kraken als die einzigen, die den Verzehr von Kugelfischen schadlos überstehen können. Lese ich aber in einem kürzlich veröffentlichten Bericht des WWF, dass über die Hälfte aller Hai- und Rochenarten im Mittelmeer bedroht sind, wundert es mich wenig, dass die Kugelfische sich dort schnell ausbreiten können.

Die Tücken des Gifts

Das im Hasenkopf-Kugelfisch enthaltene Nervengift Tedrodotoxin ist dermassen giftig, dass das Gift eines einzelnen Fischs ausreicht, um damit 30 Erwachsene zu töten. Im östlichen Mittelmeer sind mehrere Vergiftungsfälle dokumentiert. Die zunehmende Ausbreitung des Fischs führt auch zu Rückstandsfunden von Tedrodotoxin in anderen Meerestieren, insbesondere bei Muscheln, da sie das Meerwasser filtern. Geringe Dosen des Gifts sollen zudem eine rauschähnliche Wirkung haben. So sollen Delfine dabei beobachtet worden sein, wie sie mit aufgeblasenen Kugelfischen spielten, die ihrerseits aufgrund der Bedrohung ihr Gift über ihre Haut ausgeschieden hatten, worauf die Delfine Orientierungsprobleme bekamen und an der Wasseroberfläche «chillten». Moment mal – ihr Gift über die Haut ausscheiden? Ich habe doch meinen Kugelfisch für ein Erinnerungsfoto auch in die Hände genommen. Eine weitere Recherche bestätigt, dass neben den Gonaden und der Leber auch die Haut und die Stacheln auf der Oberseite des Lagocephalus sceleratus hochgiftig sind, weshalb ich den Fisch nie und nimmer hätte in die Hände nehmen dürfen. Offensichtlich habe ich einfach nur riesiges Glück gehabt und nur eine verschwindend kleine Menge des Gifts abbekommen. Ein Dankeschön nochmals an meinen Schwiegervater, der mich auf die «Glungge» nebenan fürs Händewaschen hingewiesen hat. Bis auf eine leichte Reizung der Haut habe ich danach nichts gemerkt, und wie in einem Rausch habe ich mich auch nicht gefühlt. Es war töricht von mir, diesen Fisch für ein Foto in Händen gehalten zu haben, denke ich im Nachhinein. Darum folgt an dieser Stelle die ausdrückliche Warnung: Meerestiere können hochgiftig sein. Wer einen unbekannten Fisch aus dem Meer unbedingt anfassen möchte, sollte dies nur mit sicheren Handschuhen tun. Besser noch: Was nicht bekannt ist, sollte vorsichtig zurückgesetzt werden. Und bevor jetzt einige Leser keine Lust mehr auf ihre Ferien am Mittelmeer haben, sei hinzugefügt, dass der Hasenkopf-Kugelfisch in Tiefen von 10 bis etwas über 100 Metern lebt. Ein zufälliges Treten auf ihn am Strand ist also eigentlich nicht möglich.