Cirque du Soleil: Waghalsige Akrobatik auf dem Mittelmeer

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"Syma" ist eine von zwei Shows auf der "MSC Bellissima". Die Handlung: Ein Seemann erleidet Schiffbruch und landet auf einer geheimnisvollen Insel

 
 
 

Der Cirque du Soleil steht für fantasievolle Artistik. Jetzt zeigt das kanadische Entertainment-Unternehmen seine Kunststücke auch auf hoher See. Unterwegs mit den Akrobaten auf dem Kreuzfahrtschiff „MSC Bellissima“.

Aus dem Lautsprecher tönt die Stimme des Produktionsleiters: „Die Brücke meldet aufziehenden Wind und Wellen aus Nordost. Stellt euch also drauf ein, dass es ein bisschen wackelig werden kann. In 15 Minuten ist Showtime.“ Die jungen Männer in der Umkleidekabine blicken entsetzt von ihren Schminkspiegeln auf. „Oh, nein“, ruft Ehrlich Ocampo, 31, und sein weiß bemaltes Gesicht wirkt noch etwas weißer. „Ist es schon so spät?“

An diesem Nachmittag fängt die Vorstellung ausnahmsweise früher an, der Filipino Ocampo hat darin seinen großen Auftritt als geheimnisvolles Dschungelwesen. Auch die anderen Akrobaten im Backstage- Bereich müssen sich jetzt sputen: die letzten Striche des Make-ups fertig malen, Gurte anlegen, das Aufwärmen mit einem Spagat auf dem Kabinenboden beenden.

Wind? Wellen? Scheint hier niemanden zu interessieren. Dabei müsste das eigentlich eine Herausforderung für die Artisten sein. Sie gehören zum Ensemble von „Cirque du Soleil at Sea“ auf dem Kreuzfahrtschiff „MSC Bellissima“. Auf der Rundreise von Barcelona über Genua und Valletta zurück nach Barcelona proben sie an sechs Tagen der Woche den doppelten Drahtseilakt: Ihre Kunststücke führen sie auf einer Bühne auf, die oft schaukelt. Selbst für die besten Akrobaten der Welt keine leichte Übung.

Nur auf der „MSC Bellissima“ und „MSC Meraviglia“

„Noch vier Minuten“, flüstert Tom Mehan, der Produktionsleiter, hinter der Bühne jetzt in sein Mikro am Headset. Es ist die letzte Ansage des 52-jährigen Amerikaners, bevor die Vorstellung beginnt. Alle 413 Plätze sind an diesem Nachmittag besetzt. Die Shows sind fast immer ausgebucht, der Name „Cirque du Soleil“ steht für eine Mischung aus Zirkus und Theater, die seit Mitte der 80er Jahre die Massen anzieht. Und ihr Spektakel auf hoher See – das gibt es nur hier und an Bord des Schwesterschiffs „MSC Meraviglia“.

Früher reichten Klavierspieler, Tanz und ein Kasino, um das Publikum auf Kreuzfahrten zu unterhalten. Mittlerweile konkurrieren die Reedereien mit immer aufwendigeren Entertainment-Programmen und speziellen Themenreisen um Passagiere. Starköche begleiten Gourmetreisen, Schlagerstars bringen das Publikum an Bord zum Schunkeln.

Was viele Passagiere lieben, halten andere für Eskapismus: Wer eine Kreuzfahrt mache, reise in einer Blase, die künstliche Welt werde durch das Angebot an Bord verstärkt. Probleme wie Umweltverschmutzung oder Overtourism in den Städten auf der Reiseroute würden ignoriert.

Rund 20 Millionen Euro hat sich MSC Kreuzfahrten das eigens für den Cirque ins Heck des Schiffs gebaute Theater kosten lassen, mit modernster Sound- und Lichttechnik, fast alles computergesteuert. Der Backstage-Bereich hinter einer LED-Wand könnte mit all den Kabeln, Aggregaten, blinkenden Lichtern auch als Kommandobrücke bei „Star Trek“ durchgehen.

Wer aus dem Publikum an die Decke guckt, sieht Dutzende Scheinwerfer, Schlingen und ausfahrbare Haken. „Toys“, „Spielzeuge“, nennen das die Artisten. Gerade wird ein kleines Segelboot unter dramatischer Musik durch die Luft geschüttelt – das Szenario für eine akrobatische Einlage am Segelmast. Denn in „Syma“, einer von zwei Shows an Bord, geht es um einen Seemann, der die Welt erkunden will. Ist ja schlüssig, eine Geschichte zu erzählen, die auf dem Wasser spielt, während das Publikum übers Mittelmeer schippert.

Meerjungfrauen und Dschungelwesen

Der Seemann Syma erleidet Schiffbruch, landet in den Tiefen des Meeres und wird auf eine geheimnisvolle Insel gespült. Dabei trifft er auf seltsame Wesen: synchron schwebende Meerjungfrauen oder einen Dschungelbewohner mit weißem Gesicht und rot umrandeten Augen. Es ist Ehrlich Ocampo, der jetzt auf der Bühne erscheint. Während er kriegerisch tanzt, sich überschlägt und springt, kreist ein Stab um ihn herum. Immer wieder kehrt er in die Hände des Akrobaten zurück, als wäre er magnetisch. Selbst als sich die Bühne leicht nach links neigt, sitzt jedes Auffangen.

„Ein paar Wellen sind harmlos“, sagt Ocampo nach der Vorstellung. „Wir hatten erst drei, vier Mal richtig raue See. Wer will, kann seinen Part dann variieren. Doch das ist nur für diejenigen von uns relevant, die sich schwer verletzen könnten.“ Etwa das Paar, das in „Varélia“ mit Rollschuhen auf einem Podest herumwirbelt. Und was, wenn man seekrank wird? „Nicht gut“, sagt Ehrlich Ocampo und lacht. Aber auch dann kämpfe man sich durch die Vorstellung.

„Öhrlich“, wie es seine Kollegen auf Englisch aussprechen, hat den außergewöhnlichen Vornamen einem Blick ins Lexikon zu verdanken. Seine Eltern wollten, dass alle Namen ihrer Kinder mit dem Buchstaben „E“ beginnen, beim fünften Kind gingen ihnen die Ideen aus. Im Lexikon entdeckten sie den Nobelpreisträger Paul Ehrlich – einen besseren Namenspaten konnte sich die Mutter, eine Professorin, kaum vorstellen. Entsprechend enttäuscht war sie, als der Junge nach dem Grafikdesign-Studium lieber Akrobat werden wollte.

„Ich bin damals nur knapp einem schweren Unfall mit einem Taxi entgangen“, erzählt Ocampo. „Danach dachte ich: Was ist, wenn ich mich verletze und in meinem Leben nie den großen Auftritt hatte?“ Also schickte er ein Bewerbungsvideo an den Cirque du Soleil. Bis der ersehnte Anruf kam, dauerte es drei lange Jahre.

„Landausflüge machen wir oft gemeinsam“

Insgesamt 16 Artisten aus neun verschiedenen Nationen sind für „Syma“ und „Varélia“ engagiert worden. Alle wirken in beiden Shows mit, mal mit einer Hauptrolle, mal mit einem kleinen Part. Der Cirque du Soleil verfügt über eine große Datenbank. Sobald eine ungefähre Dramaturgie für ein Stück steht, castet das Unternehmen die Künstler, danach beginnen monatelange Proben. Auf der „Bellissima“ übten die Akrobaten bereits Sprünge und Seiltanz, als noch nicht alle Kabinen fertig waren. Seit Januar nun sind die 19 Decks ihr neues, schwimmendes Zuhause.

„So riesig das Schiff ist – natürlich wird es einem hier irgendwann zu eng“, sagt die Finnin Pipsa Ilpala, 24. „Aber das schweißt das Team noch mehr zusammen. Jeder von uns teilt sich mit einem der anderen eine Kabine, sogar die Landausflüge machen wir oft gemeinsam“, sagt Ilpala. Neulich aß sie in Neapel eine Pizza und besichtigte die Ruinen von Pompeji, bevor sie, zurück an Bord, wieder in ihr Kostüm schlüpfte.

Stundenlanges Training

Pipsa Ilpala wird mit ihrem weißblonden Haar von Passagieren häufig als „die Nymphe aus dem Zirkus“ wiedererkannt. Mit Akrobatik begann sie bereits mit neun. Bis zu sechs Stunden täglich trainieren sie und ihre Kollegen: Cardio, Fitness, Stretching plus gemeinsame Proben auf der Bühne. Auch bei den Akrobaten schleichen sich manchmal Fehler ein.

Plötzlich läuft der Salto weniger rund, passt der Ablauf nicht mehr ganz präzise zur Musik. Deshalb werden auch sie wie Sportler von einer Trainerin betreut. Beim Proben am Mittag vor den Shows lässt Ehrlich Ocampo sechs Hula-Hoop-Reifen an Armen und Beinen drehen, was für den Laien ziemlich beeindruckend aussieht, der Trainerin aber noch zu holprig erscheint. Also noch einmal von vorn. Und dann noch einmal.

„Manchmal musst du 200 Mal üben, damit es einmal sitzt“, sagt Pipsa Ilpala. Sie hat sich ihre Bank fürs Training wie immer dicht ans Fenster geschoben, durch das die offene See zu sehen ist. Die Finnin liegt rücklings auf der Bank und beginnt mit drei großen Bällen zu jonglieren – mit den Füßen. „Mit seinen Requisiten ist man wie in einer Beziehung“, sagt sie. „Manchmal läuft alles harmonisch, manchmal streiten wir uns ein bisschen, aber wir kommen immer zueinander zurück.“

Mittlerweile wirbelt Ilpala bis zu sechs Bälle mit Händen und Füßen gleichzeitig durch die Luft, und zwar so schnell, dass es nach einem Dutzend aussieht. Manchmal ertappe sie sich dabei, dass sie eine Whatsapp schreibe und fast vergesse, dass noch ein paar Bälle an ihren Füßen kreisen.

Bei der Abendvorstellung Stunden später wird Pipsa Ilpala auf dem Höhepunkt ihres Auftritts auch noch einen weißen Autoreifen mit einem Ball darin balancieren, ohne dass dieser herausfällt. Als sie anschließend durchs Publikum zurück hinter die Bühne läuft, dreht sich ein kleiner Junge zu ihr um und reckt anerkennend beide Daumen in die Höhe. Ilpala lächelt. Wieder alles glattgegangen. So spiegelglatt wie das Mittelmeer jetzt unter dem Mondlicht glänzt.