Kunstfestival auf Samos: Korallenriffe aus Plastik

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Abfall und Strand. Auf der griechischen Insel Samos, am äußersten Rand Europas, verdichten sich die globalen Konflikte.

 
 
 

Fluchtroute und Müllhalde: Ein Kunstfestival auf Samos widmet sich den Problemen rund ums Mittelmeer.

Gäbe es das Mittelmeer nicht, man müsste es erfinden. Ein gigantischer Pool voll flirrendem Wasser, gesprenkelt mit Inseln; Pilgerort und Tourismus-Eden, Wiege der westlichen Kultur, von Athen bis Venedig, Traumziel von jährlich einer halbe Milliarde Menschen. Keine andere See hat so viel Austausch, kreative Intelligenz möglich gemacht wie dieses Meer, das Orient und Okzident verbindet. Wasser als Brücke, als Netzwerk unterschiedlicher Kulturen. Doch diese Brücke scheint nicht mehr zu funktionieren.

Deshalb sieht man auf Samos jetzt das „Zentrum für politische Schönheit“ am Werk. Die Berliner Künstlergruppe fordert seit 2015 eine Brücke über das Mittelmeer und hat ein entsprechendes PR-Video gedreht, angeblich im Auftrag der österreichischen Regierung. Zwar gibt es diese Brücke nicht und wird sie auch nicht geben. Aber wenn sie irgendwo hinpasst, dann auf Samos.

Die Insel ist immer noch Anlaufpunkt für Flüchtlinge aus der Türkei. Nur 1,2 Kilometer trennen sie vom türkischen Festland. Man könnte diese Strecke an einem guten Tag schwimmend überqueren. Am Hafen von Pythagoreion begegnen sich so zwei Gruppen von Reisenden: Flüchtlinge und Touristen. In den vergangenen Jahren glitten Flüchtlinge in ihren Schlauchbooten immer wieder an verdutzten Touristen vorbei. Rund 4000 Flüchtlinge sind nahe der Stadt Vathy in einem Camp interniert, das einmal für 650 Menschen angelegt war. Die Versorgung ist miserabel. Da wirkt der Film des „Zentrums für politische Schönheit“ wie ein zynischer Kommentar zur europäischen Menschenrechtspolitik.

Passt ein Kunstfestival an so einen Ort?

Passt hier ein Kunstfestival hin? Unbedingt. Im „Art Space Pythagoreion“, einer Kunsthalle in einem Hafenstädtchen ganz im Südosten der Insel, findet jedes Jahr im Sommer eine Ausstellung statt (bis 30. September). Kuratorin Katerina Gregos hat Gespür, sie trifft immer genau den Nerv. Vor drei Jahren war es die Flüchtlingsproblematik, vor zwei Jahren der Summer of Love. Im letzten Sommer, der Saison katastrophaler Waldbrände in Griechenland, ging es um das Thema der Melancholie. Und in diesem Jahr um das Mittelmeer. Ein Meer, um das man sich sorgen muss.

„Wir schauen hier auf ein wundervolles Wasser“, sagt die Kunsthistorikerin, „aber dieser Postkartenblick führt in die Irre. Das Mittelmeer mit seinen 21 Anrainerstaaten ist ein Becken für eine Unmenge von Problemen, sozialer, politischer, ökologischer und wirtschaftlicher Art. Die Schönheit verdeckt diesen Blick. Es lauern unsichtbare Strömungen unter der Meeresoberfläche.“

Wir treffen uns im Art Space Pythagoreion, einem weißen, modernistischen Gebäude, dessen Lage einmalig ist: genau an der Schnittstelle von Strand und Hafen, direkt auf den Sand gebaut. Ein ehemaliges Hotel, das von der Münchner Schwarz Foundation umgebaut wurde und als Kunstraum finanziert wird. „13.700.000 Kubikkilometer“ heißt die Schau, fast 1,4 Milliarden. So viele Kubikkilometer hat das Mittelmeer. Elf Künstler nehmen teil. Zustande gekommen ist eine erfrischende Ausstellung, die manch aufgeblasene Mammutschau in Berlin oder Paris in den Schatten stellt.

Das Mittelmeer war einmal ein Ort von Allianzen und Austausch

„Wir sind hier fernab vom Kunstmarkt, von den immer selben Künstlern und Machern, die uns der Kunstzirkus vorgibt, weitab vom Kunst-Speak und rhetorischen Schnickschnack. Wir setzen einfach ein paar klare Gedanken in die Welt und wollen schauen, wie die Leute darauf reagieren“, sagt Katerina Gregos. 2012 hat sie die Manifesta 9 im belgischen Genk co-kuratiert, 2018 die erste Riga-Biennale auf die Beine gestellt.

Die Labore der Künstlerinnen und Künstler spielen vielfach im Hypothetischen, der Fantasie. Der New Yorker Mark Dion geht in seinem „Extinction Express“ der Frage nach, welche Fischsorten zuerst aussterben. Die Meeresbarbe ist kaum noch zu finden. Dion zeichnet naiv diverse Fische und lässt sie auf einer Art Skateboard Richtung Verderben rasen.

Für die Künstlerin Kyriaki Goni könnte das Mittelmeer wieder das werden, was es einmal war: ein Ort von Allianzen und Austausch. Im Jahr 2092, so die Vision, haben sich einige griechische Inseln zu einem „sicheren Datenhafen“ zusammengeschlossen und leisten à la Asterix Widerstand gegen den Datenimperialismus von Google, Apple & Co. Diesem Verbund können sich nicht nur Griechen anschließen, sondern auch Ausländer. Digital refugees welcome!

Macht es Sinn, eine Ausstellung auf einer kleinen griechischen Insel zu veranstalten, zu einem Thema, das sich viel mehr Menschen besser in London, Berlin oder Paris ansehen könnten? „Samos ist Knotenpunkt zwischen zwei Kontinenten, zwei Ländern, zwei Kulturen. Ein geographischer und symbolischer Hotspot“, sagt Gregos. Es sei alles andere als peripher. Am äußersten Rand Europas, zwischen Europa und Asien, verdichten sich die globalen Konflikte: Flüchtlingsproblematik und Umweltzerstörung, politische Fehlentscheidungen und Korruption, Massentourismus und die Trümmer des Arabischen Frühlings. Deshalb ist Samos ein guter Ort für Kunst.

In Samos kann man die Probleme der Welt vom Liegestuhl aus betrachten

Auf dem Boden der Ausstellungshalle wuchert Unappetitliches. Der belgische Künstler Maarten Vanden Eynde enthüllt ein Plastikriff, das an eine blühende Müllhalde erinnert – ein Korallenriff, aus Plastik geformt. „Ich war an den fünf großen Strömungsstellen in den Meeren, wo sich der Unrat ansammelt, zwei im Atlantik, zwei im Pazifik und eine im Indischen Ozean“, erzählt der Brüsseler. Von dort brachte er zentnerweise Plastik nach Hause – und machte daraus Kunst. Touristenstrände, sagt er, gaukelten den Menschen etwas vor, weil sie zweimal am Tag gereinigt würden. Wie zur Bestätigung haben Taucher vor der griechischen Insel Andros vor einigen Tagen ein Plastikriff im Meer gefunden. Dort war 2011 nach Unwettern eine illegale Müllhalde von einem Hügel ins Meer gestürzt.

Hat sich das Mittelmeer verändert? Oder unsere Wahrnehmung? Müssen bald „Baden verboten“-Schilder aufgestellt werden? Erstmals arbeitet Gregos mit dem Archipelagos Institute zusammen, einer NGO. Die Botanikerin Anastasia Milion erzählt von Meeresgräsern, die von großen Schiffen mitgerissen werden, von 700 Jahre alten Korallen, die sich in 70 Metern Tiefe bisher in Sicherheit befanden. Jetzt genügt ein einzelner Trawler, um sie zu zerstören. Ihr Institut hat der Regierung in Athen Karten der Korallenbänke zur Verfügung gestellt. Doch die wollte sie gar nicht erst sehen.

Im sommerlichen Samos kann man die großen Probleme der Welt gleichsam vom Liegestuhl aus betrachten. Das Mittelmeer ist seit Jahrtausenden ein Ort des Zusammenlebens, der Vielfalt der Kulturen, von Netzwerken. All das ginge verloren.