Architektur: Ghetto mitten im Strandtourismus

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Ein totes Kind, Drogenhändler und Polizeihubschrauber: Einst war das „Hotel House“ an der Adria ein Traum der Moderne, heute ist es ein Ort der Hoffnungslosigkeit.

In den italienischen Marken, auf einem Hügel oberhalb der Adria, steht eines der größten Heiligtümer der katholischen Kirche: die Basilika vom Heiligen Haus in Loreto. Nach dem Fall von Akkon und dem Ende des Königreichs Jerusalem im Jahr 1291 soll, so geht die Legende, das Haus, in dem Maria aufgewachsen war und die Verkündigung empfangen hatte, von vier Engeln ergriffen und davongetragen worden sein. Nach einem kurzen Aufenthalt in Illyrien wurde es dann, wiederum von Engeln, in die Wälder bei Recanati getragen.

Die Bäume sind verschwunden. Aber auf dem Hügel, eingeschlossen in einen riesenhaften Schrein, der wiederum von einer spätgotischen Kirche überbaut ist, steht immer noch dieser einfache Würfel aus gebrannten Ziegeln, acht Meter lang, knapp vier Meter breit und gut vier Meter hoch. Etwa vier Millionen Menschen aus aller Welt kommen jedes Jahr an diesen Ort, um das Heiligtum zu sehen. Wer von diesem Hügel hinunterschaut zur Adria, blickt im Südosten auf Porto Recanati, einen Ferienort, wie es Tausende gibt an den italienischen Stränden, mit einer Uferpromenade, auf der sich kleine Karussells drehen, mit Fischrestaurants und Sandburgen. Am Strand selbst, der hier tatsächlich aus hellem Sand besteht und breit wie ein Fußballfeld ist, entfaltet sich in jedem Sommer eine flüchtige Immobilienwirtschaft. Ein ombrellone (Sonnenschirm) mit zwei lettini (Liegen) ist in der Hochsaison für dreihundert Euro im Monat zu mieten.

Die Summe erscheint hoch, wenn man sie mit dem Kaufpreis eines Apartments von fünfzig Quadratmetern Grundfläche vergleicht, das in einem Wohnkomplex angeboten wird, der ein paar Hundert Meter weiter liegt, hinter einem Pinienwäldchen und allenfalls fünf Minuten zu Fuß vom Strand entfernt: Angeboten wird ein solches Apartment ab etwa 12 000 Euro. „Hotel House Recanati“ heißt dieser Komplex, der von Loreto aus leicht zu erkennen ist. Wie ein abgestürztes Raumschiff liegt er da, in Form eines leicht verschobenen Kreuzes, deutlich mehr als einhundert Meter lang und sechzehn Stockwerke hoch. Könnte er davonfliegen, so wie das Heilige Haus einst hergeflogen war, wäre das Einverständnis groß, nicht nur in der Umgebung, nicht nur bei der Stadtverwaltung von Porto Recanati, nicht nur in den Marken. Das „Hotel House Recanati“ ist eine nationale Berühmtheit, in einem schrecklichen Sinn.

Kaum ein Tag vergeht, an dem das Haus nicht wegen Drogen oder Todesfällen Schlagzeilen macht

Zuletzt im Oktober vergangenen Jahres versicherte die Stadtverwaltung von Porto Recanati, das „Hotel House“ sei „niemals Niemandsland“ gewesen. Doch es vergehen kaum ein paar Tage, an denen das „Hotel House“ nicht für eine Schlagzeile in der Regionalzeitung sorgt. Vor wenigen Tagen wurde ein junger Pakistaner tot auf einem der Balkons gefunden, in der Woche zuvor wurde ein Drogenhändler verhaftet, ein Spezialkommando aus Bologna hatte nach Terroristen gefahndet, ein Kleinkind war an Dehydrierung gestorben, die Carabinieri rückten mit vierzig Mann, zwei Hunden und einem Hubschrauber an, um nach Drogen zu suchen, und das alles geschah innerhalb von nur wenigen Wochen. Im vergangenen Herbst wurden in der unmittelbaren Umgebung Knochen von mehreren Menschen gefunden. Vermutlich wurden dort illegale Einwanderer begraben.

Wie viele Wohnungen es im „Hotel House“ gibt, ist bekannt, nämlich knapp fünfhundert. Die Zahl der darin wohnenden Menschen lässt sich indessen nur schätzen. Mehr als zweitausend Menschen aus vierzig Ländern sollen ständig in dem Gebäude leben, darunter etwa vierhundert Pakistaner, dreihundert Senegalesen und zweihundert Bengalen. Im Sommer, wenn in Italien Urlaub gemacht wird, oder ein wenig später, wenn die Bauern der Umgebung Helfer brauchen, weil der Wein geerntet werden muss, werden es mindestens tausend Menschen mehr sein.

Man kann das „Hotel House“ betreten. Der Weg dorthin führt über eine kleine, von Bäumen gesäumte Stichstraße. Ein steter Zug von Fußgängern bewegt sich auf dieser Straße vom „Hotel House“ in das Stadtzentrum und zurück. Öffentliche Verkehrsmittel gibt es nicht, aber einen Schulbus. Vor dem Haus liegt ein großer, unbefestigter Parkplatz, auf dem gewöhnliche Kleinwagen herumstehen, neben ein paar Wracks und ungewöhnlich vielen weißen Lieferwagen, teils mit osteuropäischen Kennzeichen. Etliche Glasscheiben im Erdgeschoss sind zerbrochen, selbstverständlich liegen Schutt und Abfall herum, die Menschen sind vielleicht misstrauisch, aber nicht feindselig.

Das „Hotel House“ ist, dem ersten Anschein zum Trotz, ein Zuhause, die Bewohner haben sich hier eingerichtet, meist innerhalb ihrer ethnischen Gemeinschaften und gewiss mit einem hohen Maß an sozialer Kontrolle, auch in Gestalt von Banden. Es gibt einen Gemüseladen, ein Telefongeschäft, eine Wechselstube und eine Moschee in diesem Komplex. Auch einen Friseur soll es geben. Immer wieder wird das „Hotel House“ mit der „Phalanstère“ verglichen, dem Entwurf einer selbständigen Produktions- und Wohngemeinschaft, den der französische Frühsozialist Charles Fourier im frühen 19. Jahrhundert in die Welt gesetzt hatte.

Wasserzufuhr und Elektrizität? Gibt es in vielen Wohnungen nicht mehr

Im „Hotel House“ verbirgt sich eine Geschichte der italienischen Wirtschaft aus den vergangenen fünfzig Jahren. Das Gebäude entstand in den späten Sechzigern, als die Autostrada Adriatica (A 14) gebaut und die parallel geführte Eisenbahnstrecke zweispurig ausgebaut wurde. Eine Küstenregion von mehreren Hundert Kilometern Länge wurde damit erschlossen. In Porto Recanati gab es einen Bauunternehmer, der an die Zukunft des Fischerdorfes als Metropole des Fremdenverkehrs glaubte und in Le Corbusiers „Wohnmaschine“ (der „Unité d’Habitation“ in Marseille) die Wohnform der Zukunft gefunden zu haben hoffte: ein Haus, das den Komfort eines Hotels bot, mitsamt Minigolfanlage, Restaurant und chemischer Reinigung. „Das Hotel House“, erklärte Lorenzo Natali, damals Minister für die Handelsmarine, bei Beginn der Bauarbeiten im Sommer 1967, „ist ein Werk, das der gesamten Küste Ehre macht.“

Verkauft werden sollten die Apartments als Sommerresidenzen für den Mittelstand aus den großen Städten, manche Wohnungen ließen sich an Urlauber aus dem Norden vermieten, die vor allem aus Österreich kamen. Aber etliche Wohnungen blieben leer, die Projektentwickler gerieten in Schwierigkeiten. Nicht nur jenseits der Sommermonate muss es dort gespenstisch gewesen sein. Der Bauunternehmer beging im Jahr 1973 Selbstmord. Danach setzte ein gradueller Verfall der Anlage ein, die schleichende Verwandlung in einen grauen, unsicheren Ort, der, beginnend in den frühen Neunzigern, von Einwanderern besetzt wurde – zuerst von Osteuropäern, die etwa in der Schuh- oder Möbelindustrie der Marken Arbeit fanden, schließlich von Flüchtlingen und Illegalen, die vor allem aus Afrika und den ärmsten Staaten Asiens kamen.

Diese Entwicklung lässt sich auch als Immobilienkarriere beschreiben: von den ersten, hoffnungsfrohen Käufern in den späten Sechzigern über die enttäuschten Besitzer in den Achtzigern bis zu den Zwangsversteigerungen, die in den Neunzigern häufiger wurden und sich bis zum heutigen Tag fortsetzen. Auf dem Weg dorthin gibt es unbezahlte Rechnungen zuhauf, die Wasserzufuhr wurde in vielen Wohnungen ebenso gesperrt wie die Versorgung mit Elektrizität. Manchmal scheint auf dem Hof ein Tankwagen mit Trinkwasser zu stehen. Die Aufzüge funktionieren schon lange nicht mehr. Dafür sind die Balkons, von denen man, je weiter man nach oben kommt, einen um so großartigeren Ausblick auf die Adriaküste wie auf die Hügel der Marken hat, dicht an dicht mit Satellitenschüsseln ausgerüstet, was dem Gebäude den Anschein einer gigantischen Funkanlage verleiht.

Matteo Salvini war auch schon da. Er will das Haus abreißen lassen. Das ist aber nicht so leicht

Immerhin gibt es seit dem vergangenen November, als die Eigentümerversammlung endlich einmal abstimmungsfähig war, wieder einen Verwalter für die gesamte Anlage: einen ehemaligen Glasbläser aus Florenz, der seit dem Jahr 2001 eine Wohnung im „Hotel House“ besitzt. Er wolle aufräumen, versprach er bei Amtsantritt, er wolle dafür sorgen, dass die Anlage wieder nur durch einen Eingang betreten werden kann, dass die Conciergerie besetzt ist und der Müll aus den Fluren und Treppenhäusern weggetragen wird. Es scheint ihn jedenfalls noch zu geben, den tapferen Mann.

Das „Hotel House“ ist ein modernes Ghetto. Solche abgesonderten Wohnviertel, die vor allem von Immigranten bewohnt werden, gibt es überall auf der Welt und nicht zuletzt in Italien, in Scampia etwa, einem Stadtteil von Neapel, oder im ehemaligen olympischen Dorf von Turin. Was das Ghetto in Porto Recanati von allen anderen Einrichtungen dieser Art unterscheidet, ist die ebenso einfache wie monströse, fest umrissene Gestalt, inmitten einer Landschaft, in der es ansonsten nur Strandtourismus, Landwirtschaft und Kleinindustrie gibt. Es besteht nur aus einem Gebäude, eingeschlossen von der Autobahn, der Eisenbahntrasse und einer Staatsstraße.

Das „Hotel House“ ist wie ein Turmbau zu Babel, nur dass damit niemand herausgefordert werden soll: Eher schon handelt es sich um einen Fluchtort oder einen Versuch der Selbstorganisation in prekärer Lage. Die Autarkie eines großen architektonischen Komplexes, in der Le Corbusier und seine Nachahmer (die sich wiederum von Charles Fourier hatten inspirieren lassen) die Zukunft des Wohnens erkannt zu haben glaubten, verwandelte sich hier, mit großer Geschwindigkeit und Konsequenz, in ein Monstrum. Es ist, eben weil es so groß und kompakt ist, längst zu einem Gegenstand der Soziologie und der Anthropologie geworden, in Gestalt etwa der außerordentlich lehrreichen Studie „Hotel House“ von Adriano Cancellieri (2014), einem Soziologen der Architekturuniversität in Venedig.

Matteo Salvini, der ausländerfeindliche Innenminister Italiens, hat das „Hotel House“ mehrmals besucht, zuletzt im vergangenen September. Er erhielt einen Blumenstrauß, stand auf dem Dach und versprach, das Haus werde entweder repariert oder abgerissen. Er persönlich ziehe das Abreißen vor. Doch wird die Zerstörung nicht einfach werden. Denn das Gebäude gehört nicht dem Staat, nicht einmal einem großen Vermieter, sondern es besteht, wie gesagt, aus Eigentumswohnungen, auch wenn gegenwärtig mehrere Dutzend von ihnen leer stehen, von denen wiederum etliche illegal besetzt sind.

Zum Teil sind die Wohnungen noch in italienischer Hand, und es gibt immer noch Italiener, die im „Hotel House“ wohnen. Doch besitzen ehemalige Migranten längst mehr als die Hälfte aller Apartments. Dort leben sie, in mancherlei Weise abseits und ausgegrenzt von der italienischen Gesellschaft. Und doch ist das Monstrum, eben weil es als autarke Wohnanlage entworfen worden war, auch ihr Schutz, so schwierig sich dieser innerhalb des Gebäudes wiederum gestalten mag: Das „Hotel House“ ist, in des Wortes eigentlicher Bedeutung, eine „Immobilie“, etwas Unbewegliches. Es bedürfte schon sehr kräftiger Engel, um sie davonzuheben.