Klettern und Boarden in der Wüste

Israel hat mehr Gäste denn je, gerade auch aus Deutschland. Besonders die Negev-Wüste soll noch bekannter werden – und Eilat am Roten Meer könnte den klassischen Sonnenzielen Konkurrenz machen.

Goldgelber Sand wirbelt in den Himmel über der kargen, mit bizarren Gesteinsformationen gespickten Negev-Wüste. Im nächsten Augenblick rutscht das Snowboard den Berg hinunter. Am Boden bleibt eine Spur zurück, die sogleich im Wind verweht. „High five“, ruft Dror Ben-Or dem bremsenden Sandboarder zu. Sein Gast aus Ingolstadt schüttelt den Sand von sich ab und grinst zufrieden. Dass er auf Sand boardet und nicht auf Schnee, stört Stefan Marer überhaupt nicht: „Viel besser für die Fitness, denn es gibt keinen Lift.“

Wie viele seiner Landsleute hat auch Dror Ben-Or Potenzial im Wüstentourismus gesehen und bereits 2012 sein Unternehmen Dror Bamidbar, „Freiheit in der Wüste“, gegründet. Seitdem bietet er in der Nähe von Ashalim, mitten im Negev, Sandboarding an, dazu Jeeptouren und Ausflüge im Tomcar, einem in Israel produzierten Offroad-Fahrzeug. „Israel ist viel mehr als nur Tel Aviv, Jerusalem und das Tote Meer“, betont der Unternehmer. „Neben Hipstern und Ultraorthodoxen gibt es auch noch diejenigen, die in der Wüste zu Hause sind.“ So wie er.

Israel erlebt in diesem Jahr einen Gästerekord. Nach Angaben des israelischen Tourismusministeriums lagen die Zahlen schon im ersten Halbjahr, bis Ende Juli, mit zwei Millionen ausländischen Besuchern um 24 Prozent über dem Vorjahr – so viele, heißt es ebenfalls dort, wie noch nie seit der Staatsgründung. Vor allem bei deutschen Touristen ist das Land nach wie vor beliebt: 117 200 der aus dem Ausland kommenden Gäste stammen aus Deutschland, ein Plus von 30 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Jürgen Schmude, der sich als Professor für Tourismusforschung an der LMU München speziell mit dem israelischen Markt befasst hat, führt diesen Erfolg unter anderem darauf zurück, dass sich das Land nicht als Ganzes vermarktet, sondern die Vorzüge der einzelnen Regionen bewirbt: Jerusalem als Ziel für Pilger- und Kulturtouristen, das hippe Tel Aviv für Feierwütige und die Negev-Wüste für Individualreisende. Hinzu kommt, dass die Region um Eilat sogenannte Drei-S-Touristen anzieht, also Menschen, die im Urlaub Sonne, Sand und See suchen.

Israel als Urlaubsland profitiert von der politischen Instabilität im Nahen Osten

Vor allem der Süden des Landes soll nun noch stärker touristisch erschlossen werden. Dazu beitragen könnte der Bau eines neuen Flughafens nahe der Hafenstadt Eilat. Der neue „Ramon-Airport“ soll Anfang 2018 eröffnet werden und die beiden existierenden Flughäfen Eilat-Owda und Eilat-Stadt nach und nach ersetzen. Shabtai Shay, Chef des Hotelverbands in Eilat, erhofft sich davon ein Tourismushoch wie in den 1990er-Jahren. Damals war die Hafenstadt ein beliebtes Urlaubsziel und zog eine bunte Mischung aus Hippies und Jetsettern an. Mit dem Ausbruch der Zweiten Intifada im Jahr 2000 war es mit dem Boom jedoch schnell wieder vorbei.

Derzeit aber scheint Israel von der politischen Unsicherheit im Nahen Osten eher zu profitieren. Da viele Urlauber Ägypten aus Sicherheitsbedenken im ersten Halbjahr mieden und die Türkei als Urlaubsland von vielen boykottiert wird, steigen die Passagierzahlen in Eilat. Seit Jahresanfang reisten rund 30 Prozent mehr Urlauber aus dem Ausland in den Süden Israels als im Vergleichszeitraum 2016. Damit die Zahlen auch in der zweiten Jahreshälfte steigen, wurde unter anderem die Billigfluglinie Ryanair ins Boot geholt. Ab Oktober bietet sie als erste Airline Direktflüge von Deutschland nach Eilat an. Der israelische Tourismusminister Yariv Levin erhofft sich durch die Angebotserweiterung eine allgemeine Senkung der Flugpreise nach Israel. Die israelische Regierung bezuschusst Flüge nach Eilat bereits seit 2014; Fluggesellschaften erhalten pro Passagier 45 Euro. Der örtliche Hotelverband steuert weitere 15 Euro bei. „Zudem entfallen die Flughafensteuern von rund 20 Euro“, fügt Shabtai Shay hinzu. Somit kassieren die Fluglinien insgesamt 80 Euro für jeden Passagier, der in Eilat landet, selbst wenn er auf der Durchreise ist. Für diesen Winter erwartet das Tourismusministerium rund 250 000 Eilat-Urlauber, die einen der bezuschussten Direktflüge aus Westeuropa und Russland nutzen.

In der Tat könnte Eilat mit seinen 360 Sonnentagen, seinem Zugang zum Roten Meer und der Nähe zum Negev den klassischen Sonnenzielen Europas bald Konkurrenz machen. Besonders, wenn es darum geht, dem europäischen Winter zu entfliehen. Denn auch in den Wintermonaten bieten Temperaturen von 20 bis 25 Grad gute Bedingungen zum Radfahren und Wandern. So zum Beispiel entlang des Israel National Trails, dessen Wanderwege über 1000 Kilometer lang sind. „Israel war schon immer ein Wanderland“, sagt Ziv Spector, während er von der Terrasse seiner Eco-Lodge in die Ferne schaut – vor und unter ihm befindet sich der größte Erosionskrater der Welt: der Makhtesh Ramon. „Mit unseren Wanderungen und mehrtägigen Wüstentouren wollen wir die Urlauber einerseits von der Schönheit und Vielseitigkeit des Negev überzeugen, ihnen andererseits auch die Geschichte und Kultur Israels näherbringen“, erklärt Ziv Spector. Die Touren, bei denen zum Sonnenuntergang nach alter Wüstentradition hergestellte Weine verköstigt werden, erfreuen sich besonderer Beliebtheit.

Der Fokus der israelischen Marketingkampagnen liege momentan zwar auf Eilat und der Negev-Wüste, das werde dem klassischen Pilger- und Kulturtourismus allerdings nicht schaden, prognostiziert Jürgen Schmude. „In dieser Hinsicht hat Israel einfach ein Alleinstellungsmerkmal. Da es weltweit nur eine Klagemauer gibt und diese in Jerusalem steht, wird sich der religiös und spirituell Motivierte auch weiterhin für eine Reise nach Israel entscheiden – unabhängig von touristischen Trends oder der politischen Lage.“ Menschen, die sich im Urlaub vor allem erholen wollen, bleiben einem Land nicht so treu: Sonne und Strand gibt es halt auch in Griechenland, Spanien und Kroatien. Die Zahl der Pilgertouristen in Israel sei über die Jahre gesehen relativ konstant geblieben, sagt auch Uri Sharon, Direktor des Staatlichen Israelischen Verkehrsbüros in Berlin. Nach Jerusalem, das die meisten Israel-Reisenden sehen wollen, kommen neben spirituell Interessierten vor allem Kulturreisende. Im Israel-Museum sind unter anderem einige Schriftrollen vom Toten Meer ausgestellt. Darüber hinaus erweitert das Museum im Davidsturm, das sich mit der Geschichte Jerusalems auseinandersetzt, stetig seine Ausstellungen und bietet somit auch für wiederholte Besuche Anreize.

Der neue Flughafen in Eilat wird wiederum den Badetouristen ermöglichen, ohne Zwischenstopp ans Meer zu gelangen. Der lange Weg durch die Negev-Wüste fällt somit weg, was zu einer Verkehrsentlastung auf der Nord-Süd-Achse führen könnte. Wer eines der zahlreichen Beduinencamps besuchen möchte, wird die Hauptstraße 40 allerdings nehmen müssen.

Das Yahhala-Camp bei Sede Boker ist eines dieser Camps. Im Schatten eines Zeltdachs sitzend berichtet Nasim vom Klan El Wage bei süßem Kräutertee und frischen Feigen von seinem Leben in der Wüste und wie es sich in den vergangenen Jahren verändert hat. Nach Angaben der israelischen Menschenrechtsorganisation ACRI leben etwa 230 000 Beduinen im heutigen Israel, circa 40 Prozent von ihnen in kleinen, nicht registrierten Siedlungen. Insgesamt sind es 35. Sie werden von der israelischen Regierung nicht anerkannt und weder mit Strom noch Wasser versorgt. In den quasi illegalen Dörfern herrscht oft extreme Armut. Um zu verhindern, dass die Nomaden weiterhin Land besetzen, erstellte die Regierung im Jahr 2013 den sogenannten Begin-Plan. Darin sind großflächige Zwangsumsiedlungen Zehntausender Beduinen aus dem Negev in eigens dafür errichtete Planstädte vorgesehen.

Weil ihnen der Staat immer wieder Steine in den Weg legt, muss Nasims Familie eigene Wege finden, um weiter in der Wüste leben zu können. Gastfreundschaft gegenüber Fremden spielt für die Nomaden seit jeher eine große Rolle. Und auch sie möchten natürlich von den steigenden Besucherzahlen profitieren. Daher öffnen immer mehr Beduinencamps ihre Zelte für Touristen, bieten Wüstentouren, Übernachtungen im Beduinenzelt, traditionelle Essen oder handwerkliche Produkte zum Verkauf an. „Je mehr Menschen die Negev-Wüste für sich entdecken, umso besser“, bestärkt Nasim. Es gebe zwar keinen Schnee, doch jede Menge Sand. Und dieser bringe sogar köstlichen Wein hervor.



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