Bergwandern ans Mittelmeer

0
10073

 
 
 

Idylle in den Seealpen. Von 3000 Metern Höhe bis an die Côte d’Azur: 20 Tage dauert die Wanderung durch atemberaubende Landschaften an der Grenze zwischen Italien und Frankreich.

Vom Flughafen Turin sind es rund 130 Kilometer nach Terme di Valdieri. Dort startet das Abenteuer Seealpen, oder wie sie von Italienern und Franzosen viel treffender bezeichnet werden: die „Alpi Marittime“ beziehungsweise „Alpes Mari times“. Denn das Gebirgsmassiv, das die Grenze zwischen dem Piemont in Italien und der Region Alpes-de-Haute-Provence in Frankreich bildet, zieht sich bis ans Mittelmeer. Quasi als Belohnung für anstrengende Bergtouren können müde Wanderer nach rund 20 Tagen in Menton an der Côte d’Azur ins Meer hüpfen. Aber so weit sind wir noch lange nicht.

Zunächst heißt es Wanderschuhe fest schnüren und losgehen. Was gleich beim ersten Aufstieg deutlich wird: Hier hat das Wasser das Sagen. Von allen Seiten rinnen Bächlein die Hänge herunter, die sich stellenweise zu einem Sturzbach formen. Oben auf dem Hochplateau, einem Almgebiet, eröffnet sich erstmals ein herrlicher Blick auf die umliegenden Berge. Durchwegs 2500 Meter und sogar höher sind die Gipfel.

Im Rifugio Valasco erlebt der Wanderer seine ersten Überraschungen. Es ist keine Berghütte, wie man sie in Salzburg oder Tirol kennt, sondern ein schlossartiges Gebäude. Schließlich wurde die Unterkunft für italienische Könige als Feriendomizil errichtet und diente als Ausgangspunkt für Treibjagden.

Das königliche Schloss wird seinem Ruf gerecht. Jedenfalls in der Küche, denn nebst dem Klassiker Vitello tonnato, also kaltem Kalbfleisch mit Thunfischsauce, wird ein Risotto mit Ziegenkäse aus Raschera in den Ligurischen Alpen und Blauschimmelkäse serviert. Und die Polenta kommt mit einer typisch piemontesischen Bagna cauda daher, einer warmen Sauce aus Sardellen, Knoblauch und Olivenöl.

So gestärkt und guter Dinge, den Bauch voll einfacher, höchst wohlschmeckender und nahrhafter Spezialitäten, geht es bergauf. Trekkingführer Roberto nimmt auch bald die Steine buchstäblich in die Hand und erklärt die Geologie der Seealpen. Die bestehen großteils aus Gneis und Granit, extrem hartem Gestein, die vielen rötlich-braunen Felsen erklären sich durch den hohen Eisengehalt. Gestein und Mikroklima sorgen für den Wasserreichtum in der Gegend. Feuchtwarm steigt die Luft auf von der weiten Fläche des Mittelmeers, klettert auf der einen Seite die Berghänge empor und stößt auf die kalte, trockene Luft aus dem Landesinneren. Das bedeutet im Sommer häufig Gewitter und im Winter enorme Schneemengen – bis zu zwölf Metern Höhe. „Acht Monate im Jahr kommt kaum jemand hierher, die Natur ist in dieser Zeit ganz sich selbst überlassen“, sagt Roberto. Er führt seit 14 Jahren Gruppen durch die Seealpen, als Ausgleich zu seinem Hauptberuf in der Softwarebranche.

Zusätzlich sorgt der Staat für den Schutz der unberührten Bergwelt: Seit dem Jahr 1980 ist die Gegend ein Naturpark. Auf italienischer Seite der Parco naturale Alpi Marittime, auf französischer Seite der Seealpen der Parc National du Mercantour. Doch selbst in der Hochsaison, Ende Juli und Anfang August, ist es ungewöhnlich ruhig. Den ganzen Tag über begegnet man nur einigen wenigen Menschen. Warum? Weil die Italiener nicht gern in die Berge gehen – oder zumindest nicht ohne Ziel: Anstrengung wird nur in Kombination mit ausgiebigem Essen und Trinken in einer Berghütte auf sich genommen. In Frankreich, also auf der anderen Seite des Berges, ist das anders: Die Unterkünfte sind gut gefüllt mit Wanderern und es wird dringend empfohlen, Schlafplätze im Vorhinein zu reservieren.

„Psssss, tranquillo“, mahnt Roberto die Wandergruppe zur Ruhe. Schließlich befindet man sich gerade im Wohnzimmer von gezählten 4000 Gämsen und 800 Steinböcken. Sogar Wölfe wurden in der unberührten Landschaft wieder angesiedelt, mittlerweile können sich 17 Wolfsrudel – zirka 100 Tiere – im Nationalpark sicher fühlen. Über schroffes Gestein führt der Pfad zu einem historischen Militärweg, der Anfang des 20. Jahrhunderts auf über 2000 Metern Seehöhe errichtet wurde. Immerhin zehn Kilometer ist diese kleine „Bergautobahn“ lang, und nach einem Pass sind die drei Laghi di Fremamorta erreicht, was übersetzt die „Seen der toten Frau“ heißt.

„Fremamorta“ ist übrigens okzitanisch – eine galloromanische Sprache, die nur mehr im südlichen Drittel Frankreichs und im Nordwesten Kataloniens gesprochen wird. Und weil der Mensch zum Vergleichen neigt: Die „Fremamorta“-Seen erinnern deutlich an die Dolomiten. Schroff und steil zeigen sich der Monte Argentera, mit 3297 Metern der höchste Berg der Seealpen, der Monte Matto und der Corno Stella, der lange Zeit als unbezwingbar galt.

Szenenwechsel. Die Seealpen im Rücken, führt der Weg in die Ligurischen Alpen und damit in eine komplett andere Landschaft. Sanfte Wiesen und Hochweiden bestimmen plötzlich das Bild, Wasser ist weit und breit nicht zu sehen. Kaum als Regen den Boden berührt, versickert es im Karstgestein und tritt erst Tausende Meter tiefer wieder an die Oberfläche. Der Passo delle Saline oder die Via del Sale auf über 2000 Metern Höhe machen deutlich, wie wichtig der Salzhandel schon zur Römerzeit war: Auf Maul tieren wurde das weiße Gold vom Mittelmeer ins Landesinnere transportiert, es diente vor allem zur Konservierung von Lebensmitteln, wurde aber auch den Nutztieren verabreicht zum Schutz gegen Krankheiten.

Die Römer waren jedoch nicht die Ersten. Im Vallée des Merveilles, dem „Tal der Wunder“, finden sich auf französischer Seite rund 38.000 Felsgravuren aus neolithischer Zeit. Hörner, Werkzeug, Fenster, Felder und Kreuze. „Jeder Stein ist wie das Blatt eines Buches“, erzählt Wanderführer Yves. Über den Zweck der Gravuren kann auch er nur spekulieren. „Die Symbole sind stets Richtung Himmel gerichtet. Die Menschen glaubten, dass es das Haus Gottes ist, und sie baten hier am Berg um Schutz und Fruchtbarkeit“, sagt Yves.

Langsam nähern sich die Wanderer ihrem Ziel. Langsam werden auch die Berggipfel niedriger. Beim Monte Grammondo mit 1378 Metern Höhe ist es so weit: Monte Carlo, Nizza und Cannes, ja fast die gesamte Côte d’Azur liegen dem Wanderer zu Füßen. Säumten vor einem Tag noch Edelweiß, Enzian, Eisenhut und andere typische Alpenpflanzen den Weg, so steigt jetzt plötzlich der Duft des Südens in die Nase. Wilder Spargel und Fenchel, Minze, Thy mian, Rosmarin und wilde Erbsen, die wie Orchideen blühen. Und war vor zwei Tagen noch das warnende Pfeifen von Murmeltieren zu hören, so geben jetzt im Pinienwald die Zikaden ihr ohrenbetäubendes Konzert. Diese Vielfalt ist es, die Sophie vom Nationalpark Mercantour so sehr an ihrer Heimat schätzt: „Ende April gehen wir vormittags Skitouren in den Bergen und am Nachmittag baden wir im Meer.“
Zu den Nationalparks

Der Mercantour-Nationalpark (www.mercantour.eu) und die Naturparks Marguareis und Alpi Marittime (http://en.parcoalpimarittime.it) geben Auskunft zu Wegen, Rundgängen (etwa für nur eine Woche), Übernachtungsmöglichkeiten wie auch zu geführten Touren in das Tal der Merveilles mit den mystischen Steingravierungen. Infos zu beiden Parks: www.marittimemercantour.eu
Einige Übernachtungsmöglichkeiten

Übernachten und fein dinieren am Einstieg in die Seealpen im La Casa Regina (www.lacasaregina.it). Das Rifugio Valasco auf 1764 Metern Höhe bietet luxuriöse Vierbettzimmer und gutes Essen (www.rifugiovalasco.it). Das Rifugio Don Barbera ist eine Berghütte auf 2079 Metern Höhe mit einfachen Schlafplätzen sowie ebensolcher, aber guter Küche (www.rifugiodonbarbera.eu).

Generelle Infos zu Land und Leuten

Italienisches Tourismusamt, www.enit.at;

Atout France, http://at.france.fr