Der Papst der Flüchtlinge: Ein «Tropfen im Wasser» als Mutmacher

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Von Miriam Schmidt, Alexia Angelopoulou und Takis Tsafos, dpa

Weinende Kinder, traumatisierte Menschen, zerstörte Familien: Auf der griechischen Insel Lesbos erlebt der Papst das Elend der Flüchtlinge in Europa hautnah. Tief berührt ermöglicht Franziskus zwölf von ihnen ein neues Leben – und fordert mehr politischen Einsatz.

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Das neue Leben von Nour und ihrer Familie beginnt mit Blumen, Applaus und Musik. Der Empfang für die syrische Frau, ihren Mann und ihren zweijährigen Sohn in Rom ist herzlich. «Ich fühle mich wie in einem Traum, ich bin überwältigt», sagt Nour bei ihrer Ankunft am Samstagabend. Die Familie aus Damaskus gehört zu den zwölf Syrern, die Papst Franziskus von seinem Besuch auf der griechischen Ägäis-Insel Lesbos mit nach Italien gebracht hat. «Ich möchte dem Papst für dieses Geschenk danken», sagt die junge Frau.

Das neue Leben in Italien für die drei muslimischen Familien – es ist eine Geste, die erneut zeigt, wie sehr die Flüchtlinge dem Papst am Herzen liegen. «Aufgenommen zu werden, ist kein Privileg, sie sind alle Kinder Gottes», sagte der Papst während des Rückflugs. Es sei zwar nur eine kleine Geste, «aber genau diese kleinen Dingen müssen wir jeden Tag tun», fordert er. «Es ist vielleicht nur ein Tropfen im Wasser, aber das Meer wird danach nicht mehr dasselbe sein», zitiert Franziskus die berühmte indische Nonne Mutter Teresa.

Wie aussichtslos und unwürdig die Situation vieler Flüchtlinge ist, das hat Franziskus zuvor bei seinem Besuch auf der Ägäis-Insel selbst erlebt. Als er das Flüchtlingslager Moria besucht, wo Tausende Menschen eingesperrt in Containern hinter hohen Zäunen auf ihre Abschiebung in die Türkei warten, flehen viele Flüchtlinge den Papst um Hilfe an. Junge Männer skandieren: «Freiheit, Freiheit». Ihre Bitten haben die Schutzsuchenden in bunter Schrift auf Plakate geschrieben. «Hilf uns» und «Du bist unsere Ηoffnung» steht dort.

Für die Menschen dort ist der Besuch von Papst Franziskus vor allem ein Hoffnungsschimmer. Auch Murtasa aus Afghanistan hofft auf ein besseres Leben in Europa. Vor einer Woche kam der 28-Jährige mit seiner Frau auf Lesbos an – trotz des Flüchtlingspakts zwischen der EU und der Türkei, der vorsieht, dass künftig alle Neuankömmlinge zurück in die Türkei geschickt werden können. «Ich hoffe, der Papst hilft den Menschen. Ich hoffe, er hilft uns, dass wir hier in Europa bleiben können», sagt der junge Mann.

Als der Papst inmitten der Menschenmenge durch das Lager geht, erlebt er solche Momente immer wieder. Ein Mann bittet ihn laut weinend auf Knien, ihn zu segnen. Eine Frau fleht ihn an, er solle sie mitnehmen. Andere sagen ihm, sie steckten in Griechenland fest, während ihre Familien in Deutschland seien. Kinder schenken dem Pontifex Zeichnungen aus ihrem Leben, die Franziskus sichtlich rühren. «Viele Kinder dort haben den Tod ihrer Eltern miterlebt, ertrunken im Meer. Ich habe so viel Schmerz gesehen», berichtet er am Sonntag.

Etwa 3000 Menschen leben im Hotspot von Lesbos. Hilfsorganisationen vergleichen das Lager mit einem Gefängnis. Vom Flüchtlingspakt haben viele hier noch nichts gehört – auch Tsala aus Syrien nicht. Die 31-Jährige will nach Schweden, wo ihre Söhne leben, berichtet sie. Ihr Mann wurde von der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) getötet. «Ich gehe nicht zurück in die Türkei, eher sterbe ich», sagt sie.

Papst Franziskus, der griechisch-orthodoxe Erzbischof Hieronymus II. und der orthodoxe Patriarch Bartholomaios I. nutzen den gemeinsamen Besuch des Lagers auch für eine Nachricht an die Weltöffentlichkeit. «Wir sind hergekommen, um die Aufmerksamkeit der Welt auf diese schwere humanitäre Krise zu richten», sagt der Papst den Bewohnern des Lagers. «Wir hoffen, dass die Welt die Bilder dieser tragischen und verzweifelten Not sieht und auf eine Weise reagiert, die unserer gemeinsamen Menschlichkeit angemessen ist.»

Für die zwölf syrischen Flüchtlinge, die der Papst mit nach Rom nimmt, wird der Wunsch nach Rettung wahr: Sie werden nun in Rom von der Hilfsorganisation Sant’Egigio betreut, der Vatikan kommt dafür auf. Die Häuser der Familien in Syrien wurden zerbombt, seit Monaten sind sie auf der Flucht. «Ich danke Gott für diese Gelegenheit, nachdem wir so viel Terror ertragen mussten», sagt Nours Ehemann Hassan, ein Ingenieur. Die Familie will sich nun ein neues Leben in Italien aufbauen. Nour wagt einen Blick in die Zukunft: «Ich will nur ein normales Leben leben, so wie ihr auch», sagt sie.